Zum Inhalt springen

Private Banking

Open Finance, FIDA und das Private Banking: Der Wettlauf um Daten.

Open Finance, FIDA und das Private Banking: Der Wettlauf um Daten

Im Private Banking galt lange eine einfache Regel: Wer die Kundenbeziehung hielt, verfügte in aller Regel auch über die entscheidenden Informationen. Und wer über diese Informationen verfügte, bestimmte das Gespräch über Vermögen, Risiko, Struktur und Nachfolge. Genau diese Ordnung gerät nun in Bewegung. Nicht deshalb, weil sich Häuser freiwillig neu erfinden wollen, sondern weil sich das regulatorische und technologische Umfeld erkennbar verschiebt.

Mit FIDA und Open Finance verschiebt sich der Blick auf Daten

Mit FIDA, dem geplanten europäischen Rahmen für den Zugang zu Finanzdaten, verändert sich der Blick auf Daten grundlegend. Während Open Banking unter PSD2 vor allem auf Zahlungskonten zielte, will die Europäische Kommission mit FIDA den Zugang zu Kundendaten auf weitere Bereiche der Finanzwirtschaft ausdehnen. Auf der offiziellen Informationsseite der Kommission zum Financial Data Access wird ausdrücklich von einem Open-Finance-Vorschlag gesprochen, der den verantwortungsvollen Zugang zu Daten von Privat- und Unternehmenskunden über ein breites Spektrum von Finanzdienstleistungen hinweg schaffen soll.

Eine strategische Weichenstellung

Für Institute im Private Banking ist das keine technische Randfrage und auch kein klassisches Compliance-Thema, das sich zu gegebener Zeit in ein Projekt übersetzen ließe. Es ist eine strategische Weichenstellung. Denn in dem Moment, in dem Daten auf Wunsch des Kunden standardisiert zugänglich und zwischen Marktteilnehmern anschlussfähig werden, verlagert sich Wettbewerb. Dann zählt nicht mehr allein, wer den Kunden formell betreut, sondern wer aus verteilten Informationen ein belastbares Gesamtbild formen kann. Genau darin liegt die eigentliche Brisanz des Themas.

Gesetzgebungsprozess und Vorwirkung

Der Gesetzgebungsprozess ist dabei weiter, als es in vielen Häusern intern noch wahrgenommen wird. Die Europäische Kommission legte den Vorschlag bereits im Juni 2023 vor. Auch 2026 führt die Generaldirektion FISMA die Verhandlungen zu FIDA ausdrücklich als fortlaufendes Dossier. Das spricht nicht für ein bloß theoretisches Vorhaben, sondern für ein Regulierungspaket, an dem auf europäischer Ebene weitergearbeitet wird. Wer also noch immer davon ausgeht, man könne das Thema bis zu einer fernen Endfassung beiseitelegen, unterschätzt die Vorwirkung, die ein solches Regime bereits heute auf Marktstandards, Architekturentscheidungen und strategische Prioritäten entfaltet.

Das eigentliche Risiko liegt im Tempo der Marktteilnehmer

Das eigentliche Risiko ist deshalb nicht nur regulatorischer Natur. Die größere Gefahr liegt darin, dass andere Marktteilnehmer in der Zwischenzeit lernen, mit konsolidierten Finanzdaten schneller, präziser und relevanter zu arbeiten. Neue Anbieter müssen nicht erst die klassische Stellung einer Privatbank einnehmen, um kundennah zu werden. Es genügt, wenn sie in der Lage sind, mit Zustimmung des Kunden Informationen zusammenzuführen, verständlich aufzubereiten und daraus bessere digitale oder beratungsnahe Angebote abzuleiten. Genau darin besteht die Verschiebung, die Open Finance für etablierte Häuser so anspruchsvoll macht.

Private Banking: wenn Kundennähe allein nicht mehr reicht

Gerade im Private Banking ist diese Entwicklung besonders heikel, weil hier Kundennähe traditionell mit Beratungsstärke gleichgesetzt wird. Künftig wird Kundennähe allein jedoch nicht mehr genügen. Wer kein tragfähiges Gesamtbild der Vermögenssituation erzeugen kann, riskiert, trotz intakter Mandatsbeziehung nur noch einen Ausschnitt der finanziellen Realität des Kunden zu sehen. Das mag für einzelne Gespräche noch ausreichen. Für anspruchsvolles Wealth Planning reicht es auf Dauer nicht.

Wealth Planning braucht Vollständigkeit, nicht nur Depotdaten

Nirgends zeigt sich die Tragweite dieser Entwicklung deutlicher als im Wealth Planning. Gute Wealth-Planning-Beratung lebt von Vollständigkeit. Sie benötigt nicht nur Depotdaten bei einer einzelnen Bank, sondern möglichst eine integrierte Sicht auf liquide Anlagen, Beteiligungen, Kreditverhältnisse, Vorsorge, Versicherungen und grenzüberschreitende Strukturen. Genau an dieser Stelle werden in vielen Häusern die Grenzen gewachsener Arbeitsweisen sichtbar. Tabellen, Präsentationen, CRM-Einträge, E-Mails und Einzelnotizen mögen im Alltag funktionieren. Was häufig fehlt, ist eine Datenbasis, auf der Analyse, Einordnung und Entscheidung systematisch aufbauen können. FIDA schafft diese Schwäche nicht erst, sondern macht sie sichtbarer.

Messlatte: belastbares Datenmodell statt nur gutes Gespräch

Damit verändert sich auch die Messlatte für gute Beratung. Künftig werden nicht allein die Qualität des Gesprächs, die Güte einer Präsentation oder die Dauer einer Mandatsbeziehung im Vordergrund stehen. Entscheidend wird vielmehr, wie belastbar das Datenmodell ist, auf dem diese Beratung tatsächlich beruht. Denn ein Institut, das Informationen nur in verteilten Beständen hält, wird auch mit besserem Datenzugang nicht automatisch besser beraten. Ohne Struktur wächst mit dem Datenvolumen häufig nur die operative Unordnung. Der strategische Vorteil liegt deshalb nicht im bloßen Zugang, sondern in der Fähigkeit zur Verarbeitung.

Open Finance ist Architektur- und Beratungsthema

Viele Institute diskutieren Open Finance noch immer so, als gehe es in erster Linie um den Zugriff auf Daten. Diese Sicht greift zu kurz. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dort, wo Daten geordnet, verknüpft, plausibilisiert und in einen fachlichen Zusammenhang gestellt werden. Ein zusätzlicher Datenstrom führt noch nicht zu besserer Beratung, sondern zunächst nur zu mehr Information. Bessere Beratung entsteht erst dann, wenn ein Institut aus diesen Informationen Risiken erkennt, Versorgungslücken sichtbar macht, Nachfolgefragen früher identifiziert oder Strukturierungsoptionen fundierter vorbereitet. Genau deshalb ist Open Finance im Private Banking kein bloßes IT-Thema, sondern eine Frage der operativen Architektur und der inhaltlichen Anschlussfähigkeit von Beratung.

Schweiz: bLink, Multibanking und internationale Konkurrenz

Die Schweiz steht außerhalb dieser Entwicklung keineswegs still. Zwar verfolgt sie bislang keinen mit FIDA identischen Regulierungsansatz, doch die infrastrukturelle Richtung ist klar erkennbar. SIX beschreibt bLink als standardisierte, skalierbare und sichere Plattform für den Austausch von Finanzdaten. Ende November 2025 meldete SIX zudem den Start von Multibanking für Privatkunden in der Schweiz. Nach Angaben von SIX können Kunden damit Konten verschiedener Banken in einer einzigen App bündeln; zum Start waren acht Banken und zwei Fintechs angeschlossen, während mehr als 30 Banken bereits die erforderlichen Schnittstellen bereitstellten. Das ist kein europäisches FIDA-Regime, aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch der Schweizer Markt sich in Richtung offener, standardisierter Datenanbindungen bewegt.

Für Schweizer Institute bedeutet das nicht Entwarnung, sondern eine andere Form des Handlungsdrucks. Der geringere regulatorische Zwang schafft zwar mehr Gestaltungsspielraum, erhöht aber zugleich die Verantwortung, die eigene Positionierung frühzeitig zu klären. Wer sich auf das Ausbleiben unmittelbarer Pflichten verlässt, riskiert, von veränderten Kundenerwartungen, neuen Infrastrukturstandards und internationalem Wettbewerbsdruck überholt zu werden. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob dieses Thema die Schweiz erreicht. Die Frage lautet, welche Institute bis dahin bereits arbeitsfähige Modelle entwickelt haben und welche erst dann zu reagieren beginnen, wenn andere den Standard gesetzt haben.

Warum Warten riskant ist

Viele Häuser warten noch auf vollständige regulatorische Klarheit. Gerade dieses Warten kann sich als strategischer Fehler erweisen. Denn was jetzt aufgebaut werden muss, lässt sich nicht in wenigen Monaten nachholen. Es geht um saubere Datenmodelle, anschlussfähige Systemlandschaften, kontrollierbare Einwilligungsprozesse und eine Beratungslogik, die aus verteilten Informationen tatsächlich Mehrwert schafft. Wer damit erst beginnt, wenn die letzten politischen Details geklärt sind, wird kaum noch aus einer günstigen Ausgangsposition in diesen Wandel starten.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Institute weniger die Frage, ob sie sich mit Open Finance befassen sollten, sondern wie früh und mit welcher strategischen Klarheit sie dies tun. WAISON beschäftigt sich mit diesen Fragen an der Schnittstelle von Datenstruktur, Prozessen und Beratung im Finanzumfeld.